Gründen mit 55: Warum eine Ex-Managerin mit einem Marktplatz für Büromöbel neu anfängt

Statt die Reißleine zu ziehen, gründet die Messe-Managerin Katharina Hammer mit 55 Jahren ein Startup mitten in der Pandemie. Was treibt die Kölnerin an?

20190814_Hamma_09-reduziert-2-1536x1037.jpg
Mobiles Arbeiten: Katharina Hamma hat im Januar 2021 einen Marktplatz für Büromöbel aufgebaut.

Über myHomice will Hamma kleineren Herstellern und Startups eine größere Reichweite verschaffen und die Möbel direkt an Kunden vertreiben. „Der Direct-to-Consumer-Markt wird immer stärker gespielt“, sagt die Kölnerin. Zwar würden viele Hersteller ihre Möbel inzwischen über Social Media bewerben, aus logistischen Gründen häufig aber über stationäre Händler gehen, statt Versandoptionen zu bieten – in der Pandemie ein unsicheres Geschäft. Auf myHomice wird jedes Produkt zudem in einen Ergonomie-Index eingestuft, den Hamma aus den Kriterien der Verwaltungsberufsgenossenschaft zu minimalen, funktionalen und optimalen Arbeitsplätzen abgeleitet hat.

Rund 20 Anbieter hat Hamma für ihre Plattform bereits gewinnen können. Ihr Angebot umfasst aktuell insgesamt über 1.000 Produkte, darunter Bürostühle, Schreibtische, Regale, Lampen, Lautsprecher, Whiteboards und kleinere Schreibutensilien. Die Preise bewegen sich dabei zwischen 3-Euro-Beträgen für Korrekturroller und über 2.000 Euro für Bürotische. Seit dem offiziellen Verkaufsstart im Januar 2022 hat die Gründerin eine zweistellige Zahl an Produkten verkauft – beliebt seien vor allem Tischaufsätze und kleine höhenverstellbare Tische. Für jeden verkauften Büro-Artikel erhält Hamma eine Vermittlungsprovision.

Unternehmen warten auf gesetzliche Regelungen für Homeoffice

Nicht jeder Mitarbeiter kann sich allerdings teure Möbel für sein Homeoffice leisten. Hier kommen die Arbeitgeber ins Spiel: So versucht die Gründerin gezielt Unternehmen, die in eine bessere Ausstattung der mobilen Arbeitsplätze ihrer Beschäftigten investieren wollen, über ein Gutscheinsystem zu erreichen. Indem Arbeitgeber ihren Mitarbeitern Wertgutscheine für myHomice schenkten, seien auch die Besitzverhältnisse klar geregelt. Im Gegensatz zu Laptops und Handys würden die gekauften Büromöbel dem Mitarbeiter gehören und nicht zurück ins Inventar des Unternehmens wandern – auch nicht bei Kündigungen.

Was fehlt sind allerdings gesetzliche Vorgaben, die klar definieren, welches Equipment Arbeitgeber neben technischen Mitteln im Homeoffice stellen müssen. Bei den Firmen bewirkt das zurzeit noch Zurückhaltung, beobachtet Hamma. „Wir bewegen uns in einer Grauzone.“ In Gesprächen zeigten sich einige Unternehmen interessiert an den Gutscheinen – gerade im Hinblick auf mögliche Büroverkleinerungen. Jedoch würden viele abwarten, was die neue Bundesregierung beschließt. Im besten Fall könnten Unternehmen die Gutscheine dann als Gesundheitsleistung über die Finanzämter abbuchen, die bis 600 Euro pro Mitarbeiter gedeckelt ist, hofft die 55-Jährige.

Jungen Gründern mangelt es an Erfahrung

Dass Gründungsphasen selten problemlos ablaufen, ist der ehemaligen Managerin bewusst. Noch immer wartet sie auf Rückzahlungen von fünf Jahre alten Steuererklärungen – Geld, das sie in ihre Plattform investieren möchte. Doch ihr früherer Job hat sie hartnäckig werden lassen. Trotzdem beobachtet Hamma, die mit anderen Startups vernetzt ist, dass gerade jüngere Gründer oft hilflos seien und ihnen Erfahrung fehle, wenn es etwa um den Abschluss von Verträgen gehe. Laut Hamma liegt das auch daran, dass potenzielle Gründer in Schule und Studium zu wenig darauf vorbereitet würden, wie ein Businessplan geschrieben wird oder wie sich Selbständige krankenversichern müssen. „Wir müssen aus dem Channel-Denken rauskommen!“, so die Gründerin.

Die 55-Jährige selbst setzt sich dafür ein, dass Frauen in der Startup-Szene gestärkt werden. So ist Hamma Mitglied im Investorinnen-Verein Encourage Ventures, dem unter anderem Douglas-CEO Tina Müller und Bankenmanagerin Finja Carolin Kütz angehören. Bei den Pitch-Nights, die der Berliner Verein veranstaltet, müssen die Gründerteams, die ihre Ideen vorstellen, weiblich besetzt sein.

Hamma, die ihr eigenes Startup bisher eigenfinanziert, weiß, welcher Diskriminierung, Frauen ausgesetzt sein können, wenn sie Fremdkapital in Anspruch nehmen möchten: Ein geringeres Vermögen, Startups als Nebenbeschäftigung, Forderung niedriger Kreditbeträge, Fokus auf sozialen, nachhaltigen oder E-Commerce Startups sind nur einige der Gründe, warum Gründerinnen Risikokapital oft verweigert wird. „Der erste Schritt muss eine weiblichere Investorenlandschaft sein“, so die Unternehmerin.

Dass in Deutschland der Anteil von Gründerinnen laut dem Bundesverband Deutsche Startups knapp 16 Prozent beträgt, liege für Hamma unter anderem daran, dass Frauen ihre Projekte stark hinterfragen würden und ihnen Mut fehlt: „Frauen haben total andere Trigger als Männer.“  Während es Männern noch immer um Geld und Status ginge, würden Frauen überlegen, ob sich ein eigenes Startup mit ihrem Lebensmodell vertrage. Der 55-Jährigen selbst wurde das Gründer-Gen bereits in die Wiege gelegt. „Ich komme aus einer Unternehmerfamilie.“


Dieser Artikel ist am 10.Februar 2022 im Businessinsider erschienen